Interview mit Tina Projic, Dolmetscherin im bzfo von 2002 bis 2010

Wie sind Sie auf das bzfo aufmerksam geworden und seit wann dolmetschen Sie hier? Welche Erfahrungen haben Sie mitgebracht?

Ich bin über einen privaten Kontakt 2002 auf das bzfo aufmerksam geworden. Während meines Slawistik Studiums an der Humboldt Universität Berlin besuchte ich verschiedene Dolmetscherseminare. Mir fehlte aber die praktische Erfahrung. Durch meine langjährige Arbeit am Informationsschalter in einem Krankenhaus ist mir der Umgang mit kranken Menschen nicht fremd. Viele Patienten kamen besonders abends und nachts zu mir, um mir ihre Krankengeschichten und Sorgen zu erzählen. Seit 2002 dolmetsche ich im bzfo mit ca. 10 Terminen wöchentlich.

Sie sind also seit fünf Jahren Dolmetscherin im bzfo. Sehen Sie Veränderungen in Ihrer Arbeit?

Ich habe viel gelernt in dieser Zeit. Mir war gar nicht voll bewusst, auf was ich mich hier bei der Arbeit einließ. In den Therapien prasselte so viel auf mich ein, was mich anfangs manchmal überforderte. Durch die Supervision und die Weiterbildungsangebote für die Dolmetscher sowie die Nachgespräche mit den Therapeuten nach den Therapiestunden kann ich Vieles jetzt besser einordnen.

Seit Januar 2007 sind Sie Sprecherin der Dolmetscher. Was bedeutet diese zusätzliche Aufgabe?

Um die Kommunikation und Zusammenhalt der Dolmetscher zu verbessern, haben wir uns vor ca. 2 1/2 Jahren eine Vertretung gegeben. Drei Sprecher werden für zwei Jahre gewählt. Sie treffen sich regelmäßig, sind Ansprechpartner für das therapeutische Team und vertreten die Interessen der Dolmetscherinnen und Dolmetscher. Einmal pro Quartal und bei Bedarf kommen sie in das Gesamtteam. Wir sind ca. 20 „Dollis“, die regelmäßig dolmetschen. Da wir zu sehr unterschiedlichen Zeiten dolmetschen, ist es wichtig, feste Ansprechpartner zu haben. Von den Gesprächen und Vereinbarungen gibt es Protokolle für die anderen Dolmetscher. Da wir fast alle außerhalb des bzfo mindestens noch eine weitere Arbeitsstelle haben, sehen wir uns selten alle zusammen.

Was fanden Sie anfangs in den Therapiesitzungen besonders schwierig?

Die meisten Probleme hatte ich, das Gesagte in der Ich-Form zu wiederholen. Ich musste Dinge sagen wie: „Dann drückte er mir die Pistole an den Hals. Und ich dachte, jetzt sterbe ich.“ In dem Moment selber läuft das automatisch ab. Hinterher durchfuhr mich dann: „Mein Gott, was habe ich denn da gerade übersetzt!“ Ich brauchte einige Zeit, bis ich Tina die Privatperson von Tina der Dolmetscherin trennen konnte.

In Ihrer Arbeit im bzfo sind Sie Vermittlerin der Sprache und der Kultur zwischen Therapeut und Patient. Was heißt das konkret?

Ich übersetze aus dem Bosnischen ins Deutsche. Das Bosnische ist eine sehr lyrische und bildhafte Sprache. Ich möchte, dass diese Lyrik und die Bilder im Deutschen auch ankommen. Eine Patientin sagte in einer Sitzung: „Ich bin in den Sevdah gefallen.“ Das heißt soviel wie „ich habe den Blues“. Die bosnische Kultur ist sehr von Gefühlen der Traurigkeit und des Leidens geprägt. Es gibt eine Musikrichtung „Sevdalinka“, Lieder über das Leben, die Natur, die Vergänglichkeit von Allem, traurige melancholische Lieder. Und wenn man in den „Sevdah“ fällt, dann fühlt man sich nach einigen Sevdalinka Liedern oft besser und glücklicher. Zuvor muss man sich allerdings der Traurigkeit voll hingegeben haben.

Oft ist es auch schwierig, in der Situation eine sofortige Entsprechung einer Redewendung zu finden. Wenn Bosnier sich in eine neue Umgebung integrieren mit all ihren Regeln und Gepflogenheiten, sagen sie: „Wenn du in einen Reigen eintrittst, musst du den Tanz übernehmen.“ Im Deutschen fiel mir spontan nur ein: „Sich den neuen Gegebenheiten anpassen.“ Und es gibt Situationen, in denen ich, gemeinsam mit der Therapeutin, etwas Neues lerne. Eine Bosnierin beschrieb eine Situation mit ihrem späteren Ehemann: „Wir haben einander genommen.“ Nach einigem Nachfragen und falschen Interpretationen unsererseits wurde dann klar: Sie sprach von einem offiziellen „Vorverlobungstermin“, an dem der zukünftige Verlobte sich zum ersten Mal den Eltern der Zukünftigen vorstellt.

Eine andere Patientin sprach von einer Person, „die nicht alle Ziegen vollzählig hat“. Das übersetzte ich sofort mit: „Die hat nicht mehr alle Latten am Zaun.“ Worauf die Therapeutin sagte: „Du meinst wohl, die hat nicht mehr alle Tassen im Schrank?“

Die Inhalte der Therapiesitzungen sind nicht immer einfach. Was tun Sie, um belastende Thematiken nicht zu sehr an sich herankommen zu lassen?

In der Dolmetschersituation mache ich einen klaren Schnitt zwischen Tina Projic der Dolmetscherin und Tina der Privatperson. Ich grenze mich mit einem inneren Bild ab. Meine diversen Dolmetschertätigkeiten habe ich in einer Kommode in Schubladen untergebracht. Wenn ich mich dem bzfo nähere, dann öffne ich die „bzfo Schublade“, beim Weggehen schließe ich sie wieder. Das funktioniert natürlich nicht immer. Ich hatte ja schon gesagt, dass das Bosnische sehr lyrisch und bildhaft ist. Manchmal rührt mich das sehr an. Dann kann es passieren, dass ich auch mit den Patienten weine. Zum Beispiel sagte eine Patientin: „An dem Tag hat er meine Seele zerrissen und ich finde keinen Faden, um sie zu flicken.“ Wenn ich das dann mit mir nach Hause trage, löse ich mich, indem ich mir sage: „Das ist nicht mir passiert, dieses Leid hat ein anderer Mensch erfahren. Und diesem Menschen wird gerade dabei geholfen, dieses Leid zu lindern.“

Wie halten Sie den Spagat zwischen Therapeutin und Patientin?

Es ist schwierig, absolut neutral in der Mitte zwischen Therapeutin und Patientin zu bleiben. Jeder Patient und Patientin ist einzigartig, jeder Therapeut und Therapeutin hat eine eigene Arbeitsweise und auch wir „Dollis“ sind ja nicht Sprachcomputer, sondern tragen auch mit zu der Atmosphäre jeder Sitzung bei. Zwischen allen drei Personen muss Vertrauen aufgebaut werden. Es ist eher selten, kann aber passieren, dass ein Patient lieber mit einem anderen Dolmetscher arbeiten möchte.

Für das Setting während einer Therapie gibt es verbindliche Vereinbarungen. Therapeutin, Patientin und Dolmetscherin sitzen sich in einem Dreieck gegenüber. Ich als Dolmetscherin soll alles in der Ich-Form übersetzen, was viele Patienten erst einmal irritiert. Auch müssen sich neue Patienten daran gewöhnen, dass Alles, was sie sagen, auch übersetzt wird. Bis dahin haben sie in Deutschland eher die Erfahrung gemacht, dass, wenn überhaupt, das von ihnen Gesagte nur sehr zusammengefasst wiedergege-ben wurde. Und ca. 95% aller Patienten wenden sich immer wieder, entgegen allen Aufforderungen, direkt an mich als Dolmetscherin und sagen: „Sag Du, dass ich …“  Wir Dolmetscher sind auch vertraglich zur Abstinenz im Kontakt mit den Patienten außerhalb der Therapien verpflichtet. Aufgrund der gleichen Sprache und des gleichen kulturellen Hintergrunds besteht allerdings eine emotio-nale Verbindung, die nicht „wegzuregeln“ ist. Wir treffen manchmal die Patienten auf dem Weg zu dem bzfo Termin oder wir begleiten sie ganz offiziell zu Außenterminen. Da kann es passieren, dass sie versuchen uns Dolmet-schern Informationen zu geben mit dem Hinweis: „Sag das bitte nicht weiter.“ Hier baue ich auf das Vertrauen der Therapeuten, dass ich mit der Situation professionell umgehe.

Was ist aus Ihrer ganz persönlichen Sicht eine gute Therapiestunde?

Wenn eine Patientin Schritte nach vorne machen kann, auch noch so kleine. Wenn es nach einer schwierigen Sitzung gelingt, der Patientin zu erklären, was passiert ist. Warum sie mit Worten nicht erreichbar war, warum sie weggetreten war, warum sie so unendlich traurig wurde und warum sie weinen musste. Kann sie dann relativ ruhig und entlastet den Raum verlassen, dann ist das für mich eine gute Therapiestunde.

Was tun Sie, um abzuschalten?

Ich bin mit Musik aufgewachsen und Musik ist mir ein treuer Freund, im Glück und im Leid. Musik nimmt mich mit, nimmt mich auf. Musik und Singen sind wunderbare Freudenbringer und auch Tröster.

Was motiviert Sie, diese Arbeit weiterzumachen?

Mich macht es sehr zufrieden, wenn eine Patientin über die Zeit ruhiger wird, sich besser akzeptieren kann und versteht, was mit ihr geschehen ist in der traumatischen Situation. Wenn sie lernt, die Folgen und Symptome ihres Traumas anzunehmen, ohne gleich die Selbstvorwürfe einzuschalten. Wenn das passiert, dann freue ich mich, dass ich dabei sein durfte.